Wenn der Familienhund ins Kinderzimmer pinkelt…

Kinder können für Hunde Spielpartner und Stressor zugleich sein Bild: Shutterstock©Alexei_tm

…ist das kein Zeichen von Protest, Hass gegen das Kind oder ein Versuch, sich in der Familienhirarchie über das Kind zu stellen. 

Warum nicht? 

Alle genannten Gründe sind Verhaltensweisen und Gefühle aus der Menschenwelt.

Ein Hund ist kognitiv nicht in der Lage so komplex zu denken, dass er eine Handlung wie das „Protest-Pinkeln“ einsetzt, um ein konkret formuliertes Ziel zu erreichen. Er benötigt dafür die Fähigkeit, berechnend, vorausschauend und komplex zu denken. Das Pinkeln aus Protest kommt also nicht als Grund für die Pfütze im Kinderzimmer in Betracht.

Hass ist etwas, das Verhaltensforscher bei Hunden nicht vermuten, sondern ein menschliches Empfinden. Was man beobachten kann, ist Meideverhalten, denn jedes Lebewesen versucht „Schlechtes“ zu vermeiden. Emotionen beim Hund sind von uns Menschen am Ende immer interpretiert. Wir leiten es von bestimmten Verhaltensweisen ab. Abneigung hingegen kann bei Hunden sehr wohl vorhanden sein – aber auch das schlussfolgern wir aus dem (Meide)verhalten. „Hass“ kommt als Ursache für das Lösen im Kinderzimmer also auch nicht infrage.

Die ideale Hierarchie im Rudel ist klar strukturiert.

Oder?

Erst die Eltern als Rudelführer, dann die Kinder – und zum Schluss, der Hund.

Eine logische Konsequenz wäre das Bestreben, selbst Rudelführer zu werden – ein Karrierehund, wenn man so will. Das erreicht man am besten, indem man das Kind dominiert.

In dieser Denkweise liegt aber ein Kardinalfehler. In der Ethologie wird die  Begrifflichkeit Rudel genutzt, allerdings in einem ganz anderen Kontext. Es beschreibt eine intraspezifische Konstellation verschiedener Individuen, die genetisch miteinander verwandt sind oder gemeinsame Nachkommen haben. Wir sind aber keine Hunde. Wir sind eine völlig andere Spezies mit anderen Verhaltensweisen, Bedürfnissen und haben andere kognitive Fähigkeiten, deswegen bevorzuge ich das Wort Familienverband. Zum einen, weil  damit das hierarchische Denken nicht in den Vordergrund gestellt wird, zum andern anerkenne ich die Tatsache, dass zwei Spezies in einer Gemeinschaft leben, ohne (phylo)genetisch miteinander verwandt zu sein. Dass ein Hund in das Kinderzimmer pinkelt, um das Kind zu dominieren, würde demnach, wenn überhaupt, nur Sinn machen, wenn der Hund mit seinesgleichen kommuniziert. Da wir den Protest als Möglichkeit ausgeschlossen haben, ist diese Argumentation aber hinfällig.

Was ist es dann?

Ist der Hund gesund, so ist der Grund in den meisten Fällen akuter Stress. Kinder sind laut, sie rennen, toben, schreien oder nehmen die Schlafplätze des Hundes in Beschlag. Das kann für das fellige Familienmitglied enorm stressig sein. Dieser Stress zeigt sich ganz unterschiedlich. Der eine Hund beginnt mit ausgeprägtem Bellverhalten, der andere reagiert mit Drohverhalten den Kindern gegenüber – oder eben: dem Pinkeln ins Kinderzimmer. 

Ein Hund, der dieses Verhalten zeigt, steht unter starkem Stress. Es ist ein deutliches Alarmzeichen, das wir ernst nehmen sollten und schützt am Ende Kind und Hund – das Kind davor, dass der Hund andere, für das Kind gefährlichere Verhaltensweisen zeigt, und den Hund davor, chronischem Stress ausgesetzt zu sein – denn chronischer Stress macht krank. 

Wenn ein Hund sich im Kinderzimmer löst, ist es wichtig, den Stressor ausfindig zu machen und ihm durch Management und Training zu zeigen, wie er mit diesem Stressor umgehen kann. Wir unterschätzen häufig, dass das Familienleben mit Kindern für unseren Hund oft eine Höchstleistung darstellt. Es obliegt unserer Verantwortung, ihn im Familienalltag zu unterstützen, damit er nicht erst ins Stresspinkeln fallen muss, denn: jedes Verhalten wird zum erlernten Verhalten. Hat er damit Erfolg, schafft es ihm eine kurze Erleichterung, weil die Kinder aus dem Kinderzimmer entfernt werden, dann wird er es wieder zeigen – eine Spirale, die nicht selten mit dem Abstrafen des Hundes endet, der dringend Hilfe benötigt.

Pinkeln im Kinderzimmer sollte also nicht abgestraft, sondern als Chance wahrgenommen werden, die Ursachen zu suchen und etwas zu verändern.

A.